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DRÜBER UND DRUNTER

Es mag im Trend liegen, viel Haut zu zeigen. Schließlich kann man durch sie der Umgebung seine Jugendlichkeit und Attraktivität mitteilen. Aber die bloße Haut ist auch gefährdet, besonders im Gebirge, wo die UV-Strahlung höher ist als im Flachland. Es gilt also, eine sinnvolle Balance zu finden zwischen dem ewigen Be- mühen, attraktiv zu sein, und dem Schutz vor schädlichen Einflüssen.

Die aktuellen Punktions-Shirts mit langen Ärmeln und Kragen haben diesbezüglich einiges in die Waagschale zu werfen: Sie schützen den Oberkörper in seiner Gesamtheit vor der Sonne. Sie bieten an „Atmungsaktivität”, Isolation und teils sogar Windschutz alles auf, was die moderne Industrie zu leisten im Stande ist. Natürlich fördern sie auch die Attraktivität des Trägers, denn auf den modischen Look wird natürlich auch Wert gelegt. In diesem Praxistest stellen wir Oberbekleidung vor, die von manchen Herstellern „Shirts” genannt wird, von andern „Pullover” oder Jacke”. Gemeinsam ist ihnen, dass sie sowohl als erste, als auch als zweite Schicht getra- gen werden können. Sie haben alle lange Ärmel und einen Kragen, der mehrere Zentimeter hoch ist. Und die Materialien, aus denen sie bestehen, sind darauf ausgelegt, den Oberkörper möglichst optimal temperiert und trocken zu halten.

MATERIAL

Das am häufigsten verwendete Material ist Polyester. Daraus werden Fasern hergestellt, die fast kein Wasser aufnehmen. Das heißt aber nicht, dass ein daraus hergestelltes Shirt nicht nass werden könnte; die Feuchtigkeit hält sich hier vielmehr zwischen den Fasern (im Gegensatz vor allem zu Baumwolle, wo sich die Faser selbst vollsaugt). Um schnell zu trocknen, kommt es also darauf an, dass das Polyester-Gewebe den Schweiß leicht nach außen durchtreten lässt und dort großflächig verteilt so dass er rasch verdunsten kann.

Viele Hersteller kombinieren Polyester mit Elastan, das mit 500 bis 700% Dehnfähigkeit extrem elastisch ist und genauso wenig Feuchtigkeit aufnimmt, wie der Hauptstoff. Das Ergebnis sind Hemden, die jede Bewegung mitmachen, ohne dass der Stoff hin-und her rutschen muss. Die reinen Polyester-Shirts von Berghaus und Haglöfs sind so dünn, dass sie dadurch die Bewegungsfreiheit ebenfalls nicht einschränken. Adidas arbeitet mit elastischen Einsätzen. Und Salewa setzt auf Jersey-Stoff, erreicht also eine gewisse Elastizität durch die besondere Strickart. Die beiden Außenseiter bezüglich des Materials sind Millet und Löffler. Das Carline Fusion Zip von Millet besteht zu zwei Dritteln aus Polyester und zu einem Drittel aus Wolle. Wolle kann bis zu 30% ihres Eigengewichts an Feuchtigkeit aufnehmen, ohne dass sie sich feucht anfühlt, da die Feuch- tigkeit in den Kern aufgenommen wird; die Oberfläche stößt Wasser ab. Hier werden also die Eigenschaften der Wolle für das Feuchtigkeits-Manage- ment und die höhere Abriebfestigkeit der Kunstfaser kombiniert.

Der Transtex-Pulli Basic von Löffler besteht, wie der Name schon sagt, aus Transtex, einer Kombination von Viskosefasern (Modal), Baumwolle, Polypropylen und Elastan. Die Viskosefasern werden aus Zellulose hergestellt und haben sehr ähnliche Eigenschaften wie die Baumwolle: Beide ziehen Wasser an und saugen sich damit voll. Dies hat den Vorteil, dass der Schweiß rasch von der Hautoberfläche in den Stoff übergeht, aber den Nachteil, dass er dort nur sehr langsam verdunstet. Ist die Menge des Wassers recht groß, quillt der Stoff zudem auf und bildet eine regelrechte Sperrschickt; von Wasserdampf-Durchlässigkeit, also „Atmungsaktivität”, kann dann keine Rede mehr sein. Polypropylen hingegen nimmt gar keine auf.

MACHART

Das Löffler`sche Transtex setzt diese Faserarten nun auf eine Weise ein, dass jede ihre positiven Eigenschaften ausspielen kann: Innen, am Körper, liegt eine Schicht aus Polypropylen. Die Fäden liegen hier in Mikroschlingen, so dass die Oberfläche stark vergrößert ist. Durch die „Löcher” in und zwischen den Schlingen kann die Feuchtigkeit durchtreten bzw. wird sie regelrecht angesaugt von der äußeren Schicht aus Baumwolle und Viskose. Die Verdunstung geschieht dann außen, während die Mikroschlingen für eine gewisse Isolierung sorgen und den Körper so wärmer halten als eine Konstruktion ohne diese zwei verschiedenen Schichten es kann. Die anderen Hersteller streben natürlich ebenfalls nach einem optimalen Mikroklima für den Oberkörper, indem sie verschiedene Strukturen einsetzen, seien es waffelförmige Rechtecke, Rippen, kleine Löcher und schlitzförmige Vertiefungen, Gitter- oder Netz-Strukturen, und diese zum Teil mit glatten Oberflächen kombinieren.

Strukturierte Innenflächen bewirken, dass nicht so viel nasses Material auf der Haut aufliegt, und die Luft, die sich in den Hohlräumen hält, ein wenig isolieren kann. Glatte Innenflächen hingegen isolieren deutlich weniger; sie stehen vielmehr für Kühlung. Diese glatten Innenflächen werden sinnvoller Weise mit strukturierten Außenflächen kombiniert, um den Kapillareffekt zu nutzen: Die äußere Oberfläche ist hier deutlich vergrößert, so dass deutlich mehr Flüssigkeit verdunsten kann und die trockenere Umgebungsluft die Feuchtigkeit regelrecht von der Haut durch das Hemd nach außen saugt. In diese Gruppe fallen die Shirts von Adidas, Berghaus, Salewa und The F North Face.

Die umgekehrte Konstruktion, ein Shirt, das innen strukturiert und außen glatt ist, steht mehr für Isolation und Wärme. Denn schließlich bedeutet das Ableiten der Feuchtigkeit vom Körper auch immer einen Wärmeverlust, so dass man sich, übertrieben gesagt,  grundsätzlich entscheiden muss, -ob man es lieber warm und feucht, oder trocken und kühl haben möchte. Die wärmeren Shirts dieses Tests kommen von Craft, Löffler, Mammut, Norröna, Salomon, Schöffel und Vaude. Eine Zwischenstellung nehmen die Shirts von Odlo und Millet ein, die innen und außen relativ glatt sind, jedoch aufgrund des dickeren Stoffs (Odlo) und des Wollanteils (Millet) dennoch eine nennenswerte Isolierung liefern. Die innere und äußere Waffelstruktur des Tempo LS Zip Tee von Haglöfs fällt hingegen so gering aus,  dass es trotzdem zu den ganz kühlen Shirts gehört.

EINSÄTZE

Um auch bei den wärmeren Shirts eine möglichst hohe Durchlässigkeit für Feuchtigkeit zu erreichen, werden Einsätze an den Stellen platziert, wo man am stärksten schwitzt. Ein besonders deutliches Beispiel ist hier der XA Midlayer von Salomon mit seinem relativ gut isolierenden Mikrofleece und den großflächigen Netzeinsätzen unter den Achseln.

Einige Hersteller bemühen sich darüber hinaus, der Tatsache Rechnung zu tragen, dass Frauen und Männer zum Teil an verschiedenen Körperstellen stärker schwitzen. Hier kommt das so genannte Body-Mapping zum Einsatz, also eine Kartierung des weiblichen und männlichen Körpers in Sachen Schweiß-Produktion. Die Firmen, die dieses Extra anwenden, sind sich allerdings keineswegs einig, wo die Regionen des vermehrten Schwitzens liegen. Wie aus der Tabelle ersichtlich ist, werden die Einsätze an ganz unterschiedlichen Stellen platziert; einzig beim Bereich unter den Achseln stimmen alle überein.

Meist sind diese Einsätze farblich vom Hauptstoff abgesetzt, um dem Käufer zu zeigen, dass er ein hochtechnisches Produkt vor sich hat. Aber nicht immer bedeuten zwei Farben auch zwei verschiedene Stoff-Arten: Bei den Shirts von Berghaus und beim Damen-Shirt von Mammut sind die anderen Farben nur ein optischer Gag.

GERUCH

Während man heute immer genauer erforscht, welche Bedeutung der Körpergeruch zum Beispiel für die Partnerwahl hat, scheint es andererseits immer mehr Menschen wichtig zu sein, den eigenen Geruch zu eliminieren. Die Industrie reagiert auf diese Nachfrage mit der Produktion von Kleidungsstücken, die antibakteriell ausgerüstet sind. Im Fall der Hemden von Berghaus, Haglöfs, Millet, Salewa und Schöffel handelt es sich dabei um Silbersalz, das in den Trägerstoff eingewebt wird. Kommt dieses Salz in Berührung mit Feuchtigkeit, werden Silberionen abgespalten, die die Vermehrung der Bakterien hemmen. Die auf der Haut lebenden Bakterien bauen Fettsäuren, die im Schweiß enthalten sind, unter anderem zu Buttersäure ab, und diese bewirkt den typischen Schweißgeruch. Reduziert man also die Bakterien, so die Idee, dann reduziert man den Geruch.

Ob die Silberionen für den Körper grundsätzlich unschädlich sind, wie  die Hersteller behaupten, oder Risiken bergen, wie zum Beispiel WWF und Greenpeace meinen, können wir nicht beurteilen. Der Praxistest hat aber eines klar gezeigt: Alle der hier vorgestellten Shirts, die mit Silbersalz ausgerüstet sind, muffeln genauso schnell wie die, die auf jede Ausrüstung verzichten. Nach einer Berg- oder Radeltour und einer Nacht, in der jedes Shirt luftig aufgehängt wurde, waren für uns keine Unterschiede feststellbar.

Einzig das Carline Fusion ZipShirt von Millet und der Transtex-Pulli Basic von Löffler fielen durch ihren deutlich geringeren Geruch auf, was unserer Meinung nach am relativ hohen Naturfaser-Anteil liegt: Wolle (Millet) nimmt an sich schon weniger  leicht Gerüche an und sie kann diese leicht wieder an die Luft abgeben. Und Wolle ebenso wie Baumwolle (Löffler) nimmt die Feuchtigkeit in die Faser auf, statt dass sie – wie es bei den Kunstfasern der Fall ist – an der Oberfläche stehen bleibt, bis sie verdunstet. Dadurch scheint den Bakterien die Nahrung entzogen zu werden.

Adidas setzt zum Zweck der Geruchs-Hemmung auf Aktivkohle-Partikel aus Kokosnussschalen, die unerwünschte Geruchsstoffe an sich binden können. Allerdings sind die Einsätze unter den Achseln ohne diese Kokos-Partikel, so dass hier schwer zu sagen ist, ob die Aktivkohle eine merkliche Wirkung hat, unter den Achseln  beginnt die Jacke zu riechen wie alle anderen auch.

NÄHTE

Groß in Mode sind derzeit so genannte Flatlock-Nähte, die außen deutlich sichtbar sind, oft auch farblich betont werden, und dem Hemd eine gewisse Unterwäsche-Optik verleihen. Rein technisch kommen bei diesen Flachnähten nur zwei Stofflagen übereinander zu liegen, während -bei den herkömmlichen, überlappenden Nähten drei sind. Einen spürbaren Unterschied macht das doch unserer Meinung nach nicht. Und das Iolith Dry Tee von Salewa stüzt diese Ansicht: Hier laufen die Flachnaht und eine überlappende Naht die ganze Oberkörper-Länge entlang nur wenige Zentimeter voneinander entfernt.

Ein wenig sinnvoller erscheint uns die Vermeidung von Nähten an den Schultern, wo die Träger des Rucksacks aufliegen. Viele der hier vorgestellten Shirts, vor allem die Damen-Modelle, sind mit Raglanärmeln ausgestattet: Die Nähte der Ärmel laufen vorne und hinten von den Achseln schräg zum Kragen hin und können so auf eine Naht in der Mitte der Schultern verzichten. Ob zentral verlaufende Nähte aber tatsächlich Druckstellen verursachen, bleibt dennoch fraglich; uns ist es jedenfalls noch nie passiert.

KRATZ-ZETTEL

Ein wirklich störendes Detail vieler Shirts sind die großen, mehrseitigen Waschzettel. Diese kann man zwar abschneiden, aber dabei riskiert man, eine Naht zu verletzen oder gar ein Loch in den Stoff schneiden. Und wenn man etwas mehr Abstand zum Material hä1t, bleibt erst wieder ein kratzender Rest zurück. Dabei ist dieses Ärgernis völlig unnötig, denn die Information eines Waschzettels könnte man auch aufdrucken.

FAIRNESS UND ÖKO

Erfreulich hingegen ist das zunehmende Bewusstsein für fairen Handel und, ökologischere Produktion in der Outdoor-Branche. Viele Hersteller sind bereits Mitglieder der Fair Wear Foundation und/oder kaufen (überwiegend) bei Zulieferern ein, die Bluesign zertifiziert sind und die Richtlinien der Öko-Tex 100 Standards erfüllen. Das Engagement der Firmen ist auf den jeweiligen Websites zu finden.

FAZIT

Das perfekte Funktions-Shirts für alle gibt es nicht und kann es nicht geben, so lange wir Menschen unterschiedlich stark schwitzen. Klar im Vorteil sind Leute, die wenig schwitzen; sie werden sich – was die Funktion betrifft – in allen Shirts wohlfühlen. Starke Schwitzer müssen sich damit abfinden, dass jedes Hemd einmal an seine Leistungsgrenze stößt; sie kommen bei keinem Material um das traditionelle Umziehen am Gipfel herum.

Da es das perfekte FunktionsShirt nicht gibt, und da uns im Großen und Ganzen alle hier vorgestellten Shirts gut gefallen haben, ist es nahezu unmöglich, eines besonders hervorzuheben. Aus einer unvermeidbar subjektiven Perspektive heraus haben wir uns schließlich gleichermaßen für den Transtex-Pulli Basic von Löffler und das Carline Fusion Zip von Millet entschieden: Sie teilen sich den Testsieg für die hohe technische Qualität und das besonders angenehme Klima, das unserem Empfinden nach nur Naturfasern zu bieten in der Lage sind. Der Preistipp geht ebenfalls zu gleichen Teilen an das luftige Relaxed LS Zip von Berghaus und den gut isolierenden Lightweight Streck  Pullover von Craft.

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