8 Bergschuhe im Test

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Moderne Fünfkämpfer

Wandern boomt. Und das nicht nur im Mittelgebirge. Auch die Alpen locken immer mehr Wanderer. So waren im vergangenen Jahr allein im beschaulichen Allgäu knapp drei Millionen Urlauber unterwegs – ein Plus von über neun Prozent gegenüber 2010. Besonders der Anteil ambitionierter Bergtouristen ist stark ewachsen. Sie wollen nicht einfach nur zur nächsten Hütte kommen, sondern meist noch weitersteigen: auf schroffe Gipfel, über luftige Höhenwege und abenteuerliche Klettersteige.

Oft erweist sich jedoch das Schuhwerk für solche ehrgeizigen Vorhaben als ungeeignet, wie ein Blick in die Unfallstatistik der Alpen zeigt: mit sechzig Prozent häufigste Ursache ist das Stolpern, Umknicken und Ausrutschen – häufig ausgelöst durch unpassende Schuhe. »Viele Modelle sind für die Alpen deutlich zu weich und damit einfach ungeeignet«, sagt auch Bergführerprofi Patrick Jost, dessen Hindelanger Bergschule jedes Jahr unzählige Gäste über Klettersteige und auf Gipfel führt. Doch welchen Schuh soll man sich für Alpintouren anziehen? Gibt es überhaupt ein Modell, das die vielfältigen Disziplinen abdeckt, oder braucht es für jede Aktivität – Wandern, Kraxeln, Trekking, Klettersteiggehen und Bergsteigen -ein ganz spezielles Modell?

EIN BUNTES TESTFELD

Das wollte outdoor wissen und hat sich für den Test acht recht unterschiedliche, aber sehr aussichtsreiche Kandidaten herausgepickt: Sie alle sind mit einer wasserdichten Gore-Tex-Membran versehen, kosten zwischen 180 und 360 Euro, wiegen zwischen 1200 und 1720 Gramm und sollen mit einem breiten Leistungsspektrum überzeugen. Das Rüstzeug dafür haben sie: einen hohen Schaft, der die Gelenke vor Verletzungen bewahrt, eine verwindungsfeste Profilsohle und eine weit nach vorne reichende Schnürung, um den Schuh bestmöglich anzupassen. Um ihre Einsatzbreite auch auf leichte Gletscherpassagen auszudehnen, besitzen drei Modelle sogar eine Kipphebelaufnahme für Halbautomatik-Steigeisen: La Sportiva Trango Guide, Scarpa Regel und der Verto S4K von The North Face. An allen anderen Modellen lassen sich nur Körbchensteigeisen befestigen – zum Gletscherwandern völlig ausreichend. Für steile Eiswände oder knackige 4000er sind die acht Modelle ohnehin nicht ausgelegt, dafür gibt es stabilere (s. S. 136). Das Herz der Teststiefel schlägt vor allem unter 4000 Meter Höhe.

KEINE EINFACHE AUFGABE

Um beim Wandern, Trekking und Bergsteigen gleichermaßen zu überzeugen, müssen die Schuhe fast gegensätzliche Anforderungen erfüllen: Zählen beim Wandern vor allem ein weicher, Dämpfungflexibler Schaft, eine starke Dämpfung und eine sanft abrollende Sohle, sieht es am Fels anders aus: »Hier ist eine steife Sohle gut. Damit steht man besser auf kleinen Felsabsätzen und kann beim Queren eines Schneefelds Stufen treten«, erklärt Testredakteur Frank Wacker. Und der Schaft? Ist er zu soft, fehlt der Seitenhalt, der vor allem dann gebraucht wird, wenn man mit schwerem Rucksack oder müden Gliedern über Stein- und Wurzelwege stolpert. Ist er aber zu fest, fehlt die Flexibilität im Gelenk, die auf Klettersteigen und beim Kraxeln mehr Kreativität bei der Wahl des Trittes erlaubt.

So vielfältig die Anforderungen an den perfekten Bergschuh, so umfangreich fällt auch das Testprocedere aus: Es beinhaltet flotte Tagestouren auf der Schwäbischen Alb, Mehrtagestouren mit Zelt durch die Cottischen Alpen, Klettern in den Dolomiten und Klettersteiggehen im Wettersteingebirge. Acht Wochen war das siebenköpfige Testteam mit den Schuhen im Einsatz – teils geschlossen, teils auf eigene Faust. Parallel kamen alle Prüflinge nach Feldkirchen ins Gore-Labor. Hier messen künstliche Schwitzfüße Klimakomfort und Zentrifugen Wasserdichtigkeit. 250 Umdrehungen schafft die Zentrifuge pro Minute«, sagt Jürgen Kurapkat von Gore. Vor dem Schleudergang hat er die Schuhe auf Löschpapier gestellt und mit Wasser befällt. Das Wasser drückt durch die Fliehkraft mit 80 Kilo in den Schuh. Leckt er, gibt es einen großen Fleck auf dem Löschpapier.

MIT ALLEN WASSERN GEWASCHEN

Den Labortest überstehen alle Testkandidaten gleichermaßen. Sie haten im Regen oder Pappschnee die Füße dauerhaft trocken. Außrdem lassen sie so viel Dampf entweichen, dass man selbst bei armem Wetter nicht im eigenen Schweiß schwimmt. Der Praxistest fällt dagegen nicht ganz so einhellig aus. Zwar nützten auch hier alle der insgesamt 42 getragenen Testschuhe vor eindringender Nässe und pumpten so viel Dampf nach außen, dass selbst schweißtreibende Aufstiege unter brennender Sonne zu allenfalls leicht feuchten Socken führten. Den unterschiedlichen Anforderungen beim Trageverhalten begegnen die Testschuhe aber mit verschiedenen Konzepten: Aku SL Trek, La Sportiva Trango Guide und Salewa Alp Trainer setzen auf hohen Gehkomfort und geringes Gewicht. Sie tragen sich leichtfüßig und agil, rollen flüssig ab und machen Wanderungen zum Genuss. Wenn sie passen: Im Salewa liefen sich einige Tester blutige Fersen. Keine Probleme gab es hingegen bei Aku und La Sportiva. Im Gegenteil, für einfache Touren und Klettersteige sind sie erste Wahl, zumindest wenn man trittsicher ist, denn viel Seitenhalt bieten sie nicht.

EIN FEST FÜR DIE FÜSSE

Lowa Ticam und Meindl Air Revolution 2.3 sind aus anderem Leder geschnitzt. Sie wiegen fast ein halbes Kilo mehr als Aku &, Co., doch zumindest beim Lowa merkt man das kaum. Im Gegenteil: Dank seiner hohen Anschmiegsamkeit, dem weichen Sitz und dem fantastischen Abrollkomfort trägt er sich komfortabler als jeder andere Schuh im Test. Zwar schlitzt sein stabiler Schaft wirksam vorm Umknicken, bietet aber in Gehrichtung viel Bewegungsfreiheit. Für zünftige Hüttenwanderungen oder lange Alpentreks ist der Schuh, der auch auf Klettersteigen gut funktioniert, somit erste Wahl! Sie lieben die Vertikale und suchen einen Schuh für anspruchsvolles Steilgelände? Dann kommt für Sie nur ein technischer Bergstiefel in Frage. Im Testfeld gehören hierzu Hanwag Ferrata II und Scarpa Rebel.

Letzterer erledigt seine Aufgabe perfekt: Seine extrem präzise, kantenfeste und dünne Sohle steht auch auf kleinsten Felsleisten. Und sie lässt einen genau wissen, worauf sie steht! Trittsichere freuen sich zudem über den flexiblen, weichen Schaft und die nur schwach ausgeprägte Dämpfung. Wer aber keine ausgeprägten Präferenzen hegt und einen ausgeglichenen Allrounder für Bergtouren aller Art sucht, der wird beim S4K von The North Face fündig. Er hat von allem etwas, ist fast so stabil wie der Lowa, annähernd so agil wie Aku und La Sportiva und nur etwas weniger präzise als der Scarpa. Selbst mit Steigeisen trägt sich der Verto S4K bequem – eine hervorragende Leistung!

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