Fünf Multifunktions-Helme im Test

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EINER FÜR ALLES

Wer mehr nur als eine Sportart betreibt, der wird froh sein über jedes Teil seiner Ausrüstung, das all diese Hobbys mitmacht. Das spart Platz im Kasten und im Auto, und natürlich spart es auch Geld, wenn man sich nur einen Allrounder anschaffen muss statt mehrerer Spezialisten.

Multifunktions-Helme sind solche Allrounder, die für mindestens zwei Sportarten einsetzbar sind. Von den fünf hier vorgestellten  Helmen haben vier eine EN-Zertifizierung für den Bergsport, also für das Klettern in Fels und Eis. Dazu kommt bei ebenfalls vier Helmen die EN-Zertifizierung für das Radfahren und Skaten. Drei Helme dürfen zum Skifahren und Snowboarden eingesetzt werden, drei zum Paddeln bis Wildwasser Stufe IV, und je einer zum Rodeln und zum Reiten.

ZERTIVIZIERUNG

Die EN-Zertifizierung für einen Helm  bedeutet, dass der Helm ein Prüfverfahren nach europäischer Norm durchlaufen und bestanden hat. Diese Normen werden von einem EU-Komitee, dem „Comit Européen de Normalisation“ (CEN) erstellt und müssen von allen Mitgliedsländern in deren nationale Normen übernommen werden. Alle fünf Jahre überprüft das CEN, ob die Normen an neue Entwicklungen angepasst werden müssen. Die UIAA-Normen, die man auch auf einigen Helmen findet, stammen hingegen von der Sicherheitskommission der „Union Internationale des Associations d’Alpinisme“, dem Dachverband der Bergsteigervereinigungen. Diese Normen sind nicht gesetzlich verpflichtend umzusetzen, sie dienen aber oft als Vorlage und Referenz für die Ausarbeitung der europäischen Normen.

Das Ziel dieser normierten Prüfungen ist es, dem Käufer die Sicherheit zu geben, dass der Helm bestimmten Anforderungen genügt. So muss beispielsweise der Helm einen definierten Schlag abpuffern können und gleichzeitig darf dabei die Belastung der Wirbelsäule einen bestimmten Wert nicht überschreiten. Oder der Helm darf einen definierten spitzen Gegenstand, der aus einer definierten Höhe herabfällt, nur so weit durch dringen lassen, dass dieser den darunter befindlichen Kopf nicht berührt.

Je nach Sportart liegt das Augenmerk der Tester auf bestimmten Kriterien, denn ein Kletterhelm muss neben dem Aufprall des Kopfes auf Fels vor allem vor Steinschlag schützen. Beim Skifahren, Radeln, Paddeln und Reiten ist Steinschlag hingegen in der Regel kein Thema. Für alle Sportarten interessant ist hingegen die Belastbarkeit des Befestigungssystems, um sicherzustellen, dass der Helm auch bei einem heftigen seitlichen Stoß auf dem Kopf bleibt, etwa wenn ein gekenterter Paddler mit einem Felsen kollidiert, oder wenn ein Reiter im Wald den Abstand zu einem Ast nicht richtig eingeschätzt hat. Die EN-Nummern, für die ein Helm zertifiziert wurde, müssen in jedem Helm leicht lesbar und dauerhaft angebracht sein, zusammen mit Angaben zum Hersteller, zur Modellbezeichnung, zur Größe und zum Herstellungsjahr. Dieser Anforderung werden die meisten hier vorgestellten Helme gerecht. Nur beim Receptor + von POC ist der Info-Zettel extrem klein geschrieben und reflektiert so, dass er sich auch mit Taschenlampe und Lupe nicht vollständig entziffern lässt.

KEINE GARANTIE

Auch ein zertifizierter, qualitativ hochwertiger Helm kann freilich keinen Schutz vor Verletzungen garantieren.  Ein Helm kann nur eine bestimmte Schlagkraft aufnehmen, was darüber hinaus geht, bekommt der Kopf zu spüren. Bei den Helmen handelt es sich schließlich immer um einen Kompromiss zwischen Schutz und Komfort.

In manchen Situationen ist also auch ein für die Sportart zertifizierter Helm zu schwach dimensioniert. Grundsätzlich aber bietet solch ein Helm die Chance, dass es sich doch ausgeht. Und da das Helm-Tragen keine negativen Nebenwirkungen hat -sofern er passt und keine Kopfschmerzen verursacht – ist „oben ohne“ unserer Meinung nach keine Alternative.

GURTE, SCHNALLEN, RÄDER

Dafür, dass ein Helm gut sitzt, ist überwiegend das Befestigungssystem verantwortlich. Man sollte sich also Zeit lassen beim Kauf, jeden Helm richtig einstellen (siehe Kasten: Richtiges Einstellen des Helms) und einige Minuten lang tragen. Am besten, man nimmt auch die Brille mit, die man zum Beispiel beim Radfahren benutzt, um feststellen zu können, ob sich Druckstellen ergeben. Und man sollte daran denken, dass man auch mal eine Mütze oder Neoprenhaube unter den Helm ziehen möchte.

Ein gutes Befestigungssystem muss daher flexibel sein und sich leicht und schnell umstellen lassen. Dies trifft eindeutig auf die Systeme der Helme von Kong, Salewa und Camp zu. Hier sind die jeweils rechten Seitengurte unabhängig von den linken und vom Nackengurt, zudem lassen sich die Gurtverteiler leicht verschieben. Alle drei Helme kann man daher auf dem Kopf sitzend einstellen und muss den Helm nicht -zig Mal auf-und absetzen, bis er endlich passt. Beim Meteor III+ von Petzl allerdings ist dieses Hin und Her nicht zu vermeiden. Bei ihm bildet ein einziger Gurt mit vorgegebener Länge die rechten und linken Seitengurte und die Aufhängung des Nackengurts, so dass man alle nachziehen muss, wenn man an einer Stelle etwas verändert. Durch die fixe Länge kommen die Gurtverteiler zudem sehr weit unter den Ohren zu liegen.

Der Nackengurt wird bei Camp, Salewa und Kong durch ein Rad weiter oder enger gestellt. Hier schwächelt einzig das System von Kong, wo das Rad nicht nur gedreht, sondern gleichzeitig auch eingedrückt werden muss. Bei kleineren Kopfumfängen hat sich unser Testhelm als recht widerspenstig erwiesen: das Rad hakt und lässt sich nur mit fremder Hilfe eng genug stellen. Die Ratschen-Justierung von Petzl funktioniert hingegen einwandfrei.

Der Receptor + von POC stellt einen Sonderfall in Sachen Befestigungssystem dar: Er hat keinen Nackengurt. Die Heimschale ist vielmehr weiter in den Nacken gezogen und ersetzt den Gurt. Hier gibt es lediglich die unabhängig voneinander einstellbaren Seitengurte, deren Verteiler sich nur recht streng verschieben lassen. 

JAHRESZEITEN-KOMPROMISS

Im Vergleich der Gurt-Systeme zeigt sich auch, dass der Ansatzpunkt der Seitengurte entscheidend zum guten Sitz auf dem Kopf beiträgt: Bei den Helmen von Kong und Petzl setzen die Gurte innen an. Petzl verspielt diesen positiven Aspekt durch den zu langen Gurt, aber beim Scarab von Kong liegen die Gurte dadurch in ganzer Länge am

Kopf an, was den Druck angenehm verteilt. Bei den Helmen von Salewa, Camp und POC setzen die Gurte weiter außen an der Helmschale an, was bewirkt, dass der Druck des Kinnriemens nicht verteilt wird und die Helme seitlich stärker verschiebbar sind. Und der Pulse von Camp hat zusätzlich das Problem, dass die vorderen Seitengurte zu weit hinten ansetzen, so dass sie notgedrungen auf den Ohren zu liegen kommen statt davor.

Diesen drei Helmen von Salewa, Camp und POC ist allerdings gemeinsam, dass sie die EN-Zertifizierung für das Skifahren/Snowboarden haben, was bedingt, dass man unter den Seitengurten Ohrenpolster unterbringen muss. Mit diesen speziellen Polstern liegen die Seitengurte dann optimal an. Im Sommerbetrieb aber bekommt man den Kompromiss zu spüren, den manch ein Multifunktions-Helm eingehen muss. Kong und Petzl setzen hingegen nur auf Sommer-Sportarten, wodurch sie sich das Dilemma mit dem Ansatzpunkt der Gurte ersparen.

BASTELARBEIT

Bei allen Helmen kann man die textilen Polsterungen entfernen und waschen. Beim Pulse von Camp muss man dabei sehr sorgsam vorgehen, denn zwei der Klettstreifen, die die Polsterung halten, kleben auf den Ansatzpunkten des Nackengurts. Zieht man hier zu fest an, besteht die Gefahr, dass man den Nackengurt aus seiner Verankerung löst.

Bei den Helmen von Petzl und Kong genügt es, die Teile der Polsterung anschließend wieder richtig herum einzulegen. Die anderen Helme erfordern mehr Bastelarbeit: Beim Pulse von Camp muss man vor dem ersten Gebrauch im Winter die Klettbänder für die Ohrenpolster befestigen und daran dann die Polster. Zudem gibt es für diesen Helm drei Bänder, mit denen man die Lüftungsöffnungen verschließen kann. Der Xenon von Salewa verlangt entsprechend der Zertifi- zierung den Gebrauch von einfach an- zubringenden Ohrenpolstern und den Austausch des Sommerpolsters gegen eine Winterhaube. Am meisten Freude am Basteln sollte man für den Receptor + von POC mitbringen. Hier gibt es eine Kombination aus Nackenwärmer und Ohrenpolstern für den Winterbetrieb, eigene Ohrenschützer und EVA-Polster zum Paddeln und eine Einlage zur Reduzierung der Luftzufuhr. Ohne die Ersatz-Polsterung mitzuzählen sind dies 14 Einzelteile, die gut aufbewahrt werden wollen.

SCHALE

Die Helmschale besteht, grob gesagt, aus drei Schichten: der Außenschale, der Dämpfung und der Polsterung. Die harte Außenschale sorgt dafür, dass  eine punktuelle Stoßbelastung großflächig verteilt wird. Sie besteht meist aus Polycarbonat (PC), das sich extrem stark verformen lässt und dann wieder in seine Ausgangsform zurück findet. Fast alle hier vorgestellten Helme haben eine Außenschale aus PC, lediglich POC arbeitet mit einer Legierung aus PC und ABS, möglicherweise wegen der leichteren Verarbeitung.

Um das Gewicht des Helms gering zu halten, muss die Außenschale dünn sein. Die Dämpfungsschicht hingegen  kann ruhig dicker ausfallen, denn die Materialien, die hier Verwendung finden, EPP (expandiertes bzw. geschäumtes Polypropylen) oder EPS (expandiertes bzw. geschäumtes Polystyrol), sind ohnehin sehr leicht. EPP und EPS brechen schon bei einer relativ kleinen Verformung – wobei EPP bruchresistenter ist -, und hier liegt der Grund, dass der Helm nach einer einmaligen Belastung ausgetauscht werden muss. Das Brechen der Dämpfung ist jedoch durchaus erwünscht, denn dadurch wird viel Energie abgebaut, die dem darunter befindlichen Kopf erspart bleibt. Der wichtigste Sinn des Helms ist es ja, sich an Stelle des Kopfes zu verformen beziehungsweise zu brechen.

POC baut beim Receptor + noch eine Aramid-Matte zwischen der Außenschale und der Dämpfung ein, die verhindern hilft, dass spitze Gegenstände den Helm durchdringen. Aramid besitzt eine extrem hohe Zugfestigkeit.

Die Polsterung innen trägt Polsterung träg auch noch ihren Teil zur Dämpfung bei und sorgt für einen bequemen Sitz am Kopf. Im Stirnbereich hat sie zudem den Sinn, den Schweiß nicht in die Augen rinnen zu lassen. Beim Xenon von Salewa besteht die Polsterung aus einem Stück, in das Luftlöcher geschnitten sind, bei den anderen Helmen handelt es sich um mehrere, meist recht kleine Teile, die nur an den wichtigsten Stellen platziert sind.

BELÜFTUNG

Die Belüftung des Helms ist neben dem bequemen Sitz das wichtigste Kriterium hinsichtlich des Komforts. Helme, die fürs Bergsteigen zertifiziert sind, müssen allerdings oben geschlossen sein, um gegen Steinschlag zu schützen. Hier können die Lüftungslöcher nur vorne, seitlich und hinten angebracht werden. Daher sind alle drei Bergsteiger-Helme, die gleichzeitig auch Radhelme sind, im direkten Vergleich mit einem reinen Radhelm deutlich wärmer als dieser.

Um dennoch ein möglichst angenehmes Klima zu ermöglichen, jetzt Petzl auf besonders viele und große Öffnungen. Zusätzlich hat Leser Helm eine strukturierte innere Oberfläche, so dass „Lufträume“ entstehen. Die Helme von Salewa, Kong und POC haben Lüftungska- äle, in denen die Luft von vorne ,ach hinten strömen kann. Nach inserem subjektiven Eindruck chaffen es die Kanäle im Xenon, äe relativ warme Polsterung zu eutralisieren. Der Scarab fühlt sich noch ein wenig luftiger an, aber richtig spürbar ist der Luftstrom erst im Receptor +.

Bei kühlerem Wetter oder gar im Wintereinsatz müssen die Lüftungsöffnungen natürlich auch ge- schlossen werden können. Hierfür haben die Helme von Salewa, POC und Camp spezielle Einsätze. Beim Pulse von Camp befindet sich zudem an der Stirnseite ein Schieber, mit dem man ganz schnell die vorderen drei Luftlöcher verschließen kann.

AUCH MIT STIRNLAMPE?

Bis auf den Receptor + von POC haben alle Helme eine Befestigung für Stirnlampen. Bei Petzl, Camp und Salewa liegt die Stirnlampe dabei jeweils fest im Helm auf und verrutscht nicht. Zudem lässt sie sich sehr leicht in die Halterungen schieben. Einzig beim Xenon von Salewa können die beiden Klick-Halterungen nicht mehr geschlossen werden, wenn das Band der Stirnlampe breiter ist als zwei Zentimeter.

Alle vier Stirnlampen-Halterungen des Scarab von Kong sind sehr fummelig zu bedienen und haben zudem das Problem, dass sie gleichzeitig die Befestigungspunkte der Seitengurte sind, die sich herausziehen lassen. Um sie in Position zu halten und gleichzeitig das Band der Stirnlampe einzufädeln, wünscht man sich drei Hände. Das Band der Stirnlampe sollte hier auch nicht breiter sein als zwei Zentimeter. Und man sollte eine Stirnlampe mit sehr leichtem Kopf verwenden. Die beiden vorderen Halterungen liegen so weit auseinander, dass der Kopf der Stirnlampe viel Spiel hat. Eine unserer Test-Stirnlampen mit einem Kopfgewicht von 100 Gramm rutschte bei jedem Schritt rauf und runter; eine zweite mit halb so schwerem Kopf blieb aber fest am Helm.

UMGANG

Da nur ein Helm im Vollbesitz seiner Kräfte einen heftigen Schlag abfangen kann, muss man ihn im Prinzip behandeln wie ein rohes Ei: Man sollte ihn trocken und kühl lagern, selbstverständlich in gereinigtem Zustand, vor und nach Jedem Gebrauch auf Schäden überprüfen, ihn einmal im Jahr einem Fachmann zur Begutachtung schicken und alle drei Jahre einen neuen kaufen. Einige Hersteller, darunter Camp und Kong, billigen ihren Helmen aber auch zehn Jahre Lebenszeit zu, vorausgesetzt man benutzt sie nicht oft, pflegt sie mit Hingabe und lässt sie regelmäßig checken. Wie man den Helm selbst auf Schäden kontrolliert, zeigt ein Video auf der Website von Petzl (www.petzl.com/ppe).

Ein Sporthelm ist im Grunde also ein „Einmal-Produkt“: Nach einem Sturz sollte man ihn austauschen, selbst wenn keine Beschädigung zu sehen ist. Denn dann hat das Material einen Schlag absorbiert und kann beim nächsten Mal nicht mehr die volle Leistung bringen. Dies gilt auch, wenn man sich auf den Helm setzt, ihn fallen lässt oder im Zorn gegen eine Wand kickt. Und es gibt noch eine Menge mehr Einflussfaktoren, die einen Helm schwächen: Hitze (z.B. im Auto unter der Windschutzscheibe), große Temperaturschwankungen, Meeresklima, scharfe Gegenstände und Chemikalien gehören dazu. Letzteres bedeutet auch, dass man einen Helm nicht anmalen oder mit Aufklebern verschönern darf!

Zum Reinigen nimmt man lauwarmes, weiches Wasser und eventuell eine milde Seife. Die Helme von Kong Lind POC sind allerdings mit sanitized beziehungsweise Polygiene, ausgerüstet, deren Sinn es ist, auf chemischem Weg für Geruchsfreiheit zu sorgen. Für den Transport im Rucksack gilt es, keinen Druck auf die Schale auszuüben. Eine Erleichterung beim Packen bieten die Helme von Kong, Camp und Petzl, bei denen man die Nackengurte zum Großteil in die Schalen hineinschieben kann.

EINER FÜR VIELES

Unter den fünf Helmen dieses Praxistests gibt es keine zwei, die für exakt die selben Sportarten zertifiziert sind. Daher sind sie unmöglich direkt miteinander vergleichbar. Zudem spielt die individuelle Passform eine sehr wichtige Rolle bei der Auswahl des Helms.

Zieht man jedoch alle oben genannten Aspekte eines Helms in Betracht, geht der Testsieg an den Xenon von Salewa, der den Sommer/Winter-Kompromiss recht gut schafft und darüber hinaus bequem und leicht handhabbar ist. An zweiter Stelle folgt der Scarab von Kong, der zwar ein Stirnlampen-Problem hat und ein suboptimales Justier-System am Nackengurt, davon abgesehen aber ein toller Helm ist und darum den Preistipp erhält.

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